Leben in Andalusien

CRUCES DE MAYO

Inhalt

Vorneweg-Worte

Derzeit gehen die Feste fast nahtlos ineinander über. Der Beitrag zur Romería de Guerra war gerade veröffentlicht, schon standen die “Cruces de Mayo” vor der Tür. Wieder nehme ich euch mit weit zurück, diesmal ins 4. Jahrhundert nach Chr. Danach erzähle ich, was mir in La Herradura begegnete, natürlich hat’s dazu Fotos. 

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit

Thomas Mann beginnt mit diesen Worten einen Abschnitt im Roman “Joseph und seine Brüder”. Ich erlebe jetzt, was er damit meint. Bei den Nachforschungen zum Día de Andalucía landete ich bei Herkules. Die “Cruces de Mayo” nun führen mich ins 4. Jahrhundert n. Chr. in die Welt des römischen Kaisers Konstantin, der Große und seiner Mutter Helena. 

Die Mutter Konstantins ist nicht zu verwechseln mit Helena, der Schönen, aus der griechischen Mythologie, der Tochter des Zeus, die er mit Leda zeugte. 

Irrtum

Ich hatte immer vermutet, es handele sich bei den “Cruces de Mayo” um einen alten römischen und später christianisierten Brauch. Das war ein Irrtum. Das Fest hat rein christliche Wurzeln.

Ein Kreuz gemalt aus Licht

Wir befinden uns im Jahr 312 nach Christus. Konstantin hatte Hispanien erobert. Nun steht ihm die Schlacht gegen Maxentius bevor. Dessen Heer von 100.000 Mann ist seinen 40.000 Soldaten an Zahl haushoch überlegen. 

Die Legende erzählt: Vor der Schlacht erscheint Konstantin und seinen Männern während des Marsches mittags ein Lichtkreuz. Die Worte “in hoc signo vinces” (mit diesem Zeichen wirst du siegen) sind ebenso zu lesen. Konstantin versteht die Botschaft allerdings nicht, sodass ihm in der Nacht vor der Schlacht Jesus Christus erscheint und ihm das Kreuz als Siegeszeichen erklärt.

Darauf werden die Schilder der Soldaten mit einem Kreuz bemalt, dem “Labarum”. Andere sagen, es wurde ein Kreuz gebaut, das vorangetragen wurde. Egal wie, Konstantin siegt und wird somit Kaiser des gesamten römischen Reiches. Er ist überzeugt: Den Sieg verdankt er einzig dem Beistand des Gottes der Christen. Er setzt der Verfolgung der Christen ein Ende. Die unter dem Begriff “Konstantinische Wende” eingeläutete Epoche nimmt ihren Lauf. Quelle 

Taufen lässt er sich erst auf dem Sterbebett. 

Kreuz auf Schild
Labarum, Foto: OpenClipart-Vectors auf Pixabay

Helena - eine starke Frau

14 Jahre später, wir schreiben das Jahr 326, reist Konstantins Mutter Helena mit über 70 Jahren nach Palästina. Sie macht sich auf die Suche nach dem Originalkreuz und lässt nach ihm graben. Der Legende nach findet sie es an einem 3. Mai. Und sie findet der Überlieferung nach auch den Ort des Heiligen Grabes. 

War es aber das richtige, das wirklich und wahrhaftig echte Kreuz? Nun denn, die Beweisführung mutet mehr als abenteuerlich an. Kranke, die es berührt hatten, wurden gesund, Tote gar wieder lebendig. Wer mehr dazu wissen mag, kann hier nachlesen. Aber, die Vermutung liegt nahe: Durch Helena wurde das Kreuz zum wichtigsten Symbol des Christentums. 

Konstantin, der Große und Helena ließen die Grabeskirche in Jerusalem und andere Kirchen in der Region erbauen. In der katholischen und orthodoxen Kirche wird sie als Heilige verehrt.

Mehr zur Heiligen Helena: hier 

Grabeskirche Jerusalem, Foto: Till Brömme auf Pixabay
St. Helena mit Kreuz, Foto: Welcome to All ! ツ auf Pixabay

800 Jahre

Seit etwa 800 Jahren werden die “Cruces de Mayo” begangen. Schauen wir, was in diesem Jahr vom 28. April bis zum 3. Mai in La Herradura los war. 

Sieben Kreuze waren in La Herradura aufgestellt und geschmückt. Vereine, Cofradías, Nachbarschaftsgruppen oder auch Einzelpersonen können sich zuvor in eine Liste eintragen lassen. Sie werden dann in der Ankündigung genannt und auf dem Stadtplan verzeichnet. 

Spiegeln, Spieglein an der Wand ...

Wer hat das Schönste gemacht? Ja, tatsächlich findet ein Wettbewerb statt. Bei der Bewertung kommt es nicht nur auf die Ausgestaltung des Kreuzes an, sondern auch auf das Drumherum. Im Allgemeinen werden Gegenstände arrangiert, die aus der Geschichte des Ortes erzählen: Krüge, Handarbeiten, Fischernetze, teilweise schöne, alte Nähmaschinen.

Wenn ihr auf ein Bild klickt, erscheinen sie nacheinander einzeln mit kleinen Erklärungen.

Was hat es nur mit dem Apfel auf sich?

Immer ist ein Apfel dabei, in dem eine offene Schere steckt. Nicht besonders schön, eher aggressiv, aber irgendeinen tieferen Grund wird’s schon haben, dachte ich und fragte nach. Mir wurde erklärt:

Die Sache mit dem Apfel kam so: Es ist wegen des “pero”. Spanier sehen etwas, finden es schön und dann kommt das große ABER, übersetzt PERO. Nach dem Motto: Das ist ja alles wirklich klasse, aber/pero dieses oder jenes könnte doch größer oder kleiner, bunter oder gerade nicht, in jedem Fall besser sein. Die übliche Nörgelei halt, die Suche nach dem Haar in der Suppe. Das kennen wir auch aus Deutschland gut. 

Da kam dann wer auf die Idee, in einen Apfel eine offene Schere zu stechen. Und nicht nur das. Der Teller mit dem drangsalierten Apfel wird gut sichtbar und keinesfalls verschämt in einer dunklen Ecke abgestellt!  Da ist er nun: Der Stein des Anstoßes und bringt alle “Peros” zum Schweigen.

Das preisgekrönte Kreuz

Einfallsreichtum gepaart mit Liebe zum Detail

Betritt man den Ort, an dem das diesjährige Siegerkreuz in La Herradura steht, betritt man eine eigene Welt, ein Dorf im Dorf. Eine Häusergruppe weit oben um zwei durch einen kleinen Bogen getrennte Plätze gebaut, die eher wie Innenhöfe wirken; eine geschlossene Gesellschaft, wenn auch öffentlicher Raum.

Die Anwohner und weitere Nachbarn aus der näheren Umgebung bedenken das Thema ein Jahr im Voraus. Conchi hat die Ideen, jeden Tag eine andere, so wurde mir mit einem Augenzwinkern gesagt. 

In 2023 ist es “Das alte La Herradura”. Alles wird selbst gemacht: die kleinen Marktbuden, die Früchte und das Gemüse; Orangen in der Größe von Perlen; Blumenkohl, klein wie eine Haselnuss in ihrer Schale, von den Knoblauchsträngen ganz zu schweigen und erst die Waagen! Nur die Bananenstauden wurden gekauft. 

Wir entdecken das Lieferantenauto eines Bäckers, gebaut aus Karton. Die hintere Tür ist offen. Da liegen jede Menge Baguettebrote in der Größe meinen kleines Fingers aber dicker, also etwa 5,5 cm lang.

Wieviele Stunden mag das alles gebraucht haben?

Den Kontrapunkt zu den Miniaturausgaben setzt ein Gemälde. Ich schätze mal 2,5 m hoch und etwa 5 m lang. Die alte Calle Real ist darauf zu sehen, naturgetreu gemalt in schwarz-weiß. 

Wir staunen!

Das Kreuz steht im kleineren Teil des Platzes. Es wurde mit 1.000 roten Nelkenblüten bestückt. Das sind 50 Bunde à 20 Stück. Die Kosten dafür liegen bei € 500,00. Eine Vielzahl an Geranien schmücken die Wände, da kommen noch einmal € 300,00 hinzu. 

Ganz schön viel!

Gemeinschaftliches Leben

An jedem Tag der Cruces kommen alle zusammen zum gemeinsamen Essen. Beim Kochen wird sich abgewechselt. Mal gibt es eine Paella, mal Migas mit gegrilltem Fisch und geschmorten Paprikaschoten, mal ein Cocido de Hinojo (Fencheleintopf), mal wird gegrillt. 

Die Frauen tragen vor allem abends traditionelle Kleider und Blumen im Haar, wenn auch nicht an jedem Tag. Ebenfalls am Abend läuft Musik, meist Sevillanas. Da bleiben weder Füße noch Hände still. Die einen tanzen, die anderen klatschen rhythmisch. Ich bin immer auf’s Neue fasziniert und wild entschlossen, es nun endlich zu lernen, das Tanzen. Klatschen geht zum Teil bereits recht gut. Einige decken gegen 22 Uhr den Tisch zum Essen. Wir werden wie selbstverständlich gebeten zu bleiben.

Es ist eine Welt, in der sich Nachbarn als Familie erleben. Ganz sicher ist auch da der Alltag nicht jeden Tag ein heiler. Dennoch: Ich wäre gern Teil einer solchen Gemeinschaft. 

Hintendran-Worte

Ich freue mich sehr, durch die Cruces de Mayo in diesem Jahr viele neue Kontakte geknüpft zu haben. In den nächsten Tagen lassen wir Abzüge der Bilder machen und werden sie denen schenken, die uns so freundlich in ihrer Mitte aufgenommen hatten, die mich in die Töpfe schauen ließen und mir meine Fragen beantworteten.   

Euch eine gute Zeit, liebe Grüße und auf Wiederlesen. Eure Ramona 

PS Über einen Kommentar – ganz unten – freue ich mich!

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10 Antworten

  1. Liebe Ramona,
    das war wirklich ein interessanter Artikel mit wunderschönen Fotos.
    Vielen Dank!
    Ich freue mich sehr, durch Dich in die Geheimnisse meiner neuen Wahlheimat eingeweiht zu werden.

    Nochmal vielen Dank
    Anke Heinlein

  2. Hallo Ramona, wir bewundern dich. Das hast du wieder ganz toll gemacht. Es ist bestimmt nicht so einfach. Mach weiter so. Viele Grüße, Renate und Helmuth.

  3. Liebe Ramona,
    bin wieder erstaunt, wie super du dich um aktuelle Themen kümmerst und dir Gedanken machst. Wieder habe ich viel gelernt. Und wieder bedanke ich mich dafür.
    Erika Dumke

    1. Liebe Erika, was eine Freude. Mir macht es halt Spaß und ich lerne ja selbst auch meine Wahlheimat besser zu verstehen. Es ist schön, dass es gefällt. Lieben Dank für deinen Kommentar und viele Grüße. ramona

  4. In Andalusien habe ich immer mal wieder Hinweise auf die Cruces de Mayo gelesen, aber mir war nicht klar, worum es da geht. Allerdings muss ich gestehen, dass ich auch nie bewusst nachgeforscht habe. Vielen Dank, das klingt alles sehr schön und interessant.

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