Leben in Andalusien

WIE ALLES BEGANN

Erste Schritte

Termin beim Rententräger

Mir war ziemlich bang. Heute sollte ich erfahren, wie hoch meine Rente sein würde. Ich erhoffte eine Summe, mit der ich in Deutschland leben konnte, wenn auch sicher deutlich weniger reisen. Weil ich nach dem Burnout entschieden hatte mit 63 aufzuhören, rechnete ich mit Abzügen. Doch dann kam die Überraschung. Ich erfuhr im Laufe des Gesprächs zu dem Personenkreis zu gehören, der nach 45 Arbeitsjahren im Alter abzugsfrei in Rente gehen darf. Mein Berufsleben hatte mit 15 angefangen. Aus pubertärem Trotz schmiss ich damals die Schule und machte ein Lehre. Später dann holte ich Vieles im zweiten Bildungsweg nach. 

Träume erfüllen

Es war schon lange mein Traum, wenigstens einmal im Leben für ein halbes Jahr in Spanien zu verbringen, dem deutschen Winter in einer Großstadt zu entgehen. Es ging mir weniger um die Kälte oder um den eventuellen Schnee als vielmehr um den grauen Himmel, der mir oft wie eine Glocke erschien, unter der wir alle sehnsüchtig auf den Frühling warten, begleitet von Nieselregen und unendlich scheinender Dunkelheit. Ja, ich wollte den Tagen entgehen, an denen es nicht wirklich hell wird. Infos zu den ungefähr anfallenden Kosten hatte ich und wusste, das Ganze wenigstens einmal für einige Monate stemmen zu können.

Die schöne Dresdner Neustadt war halt im Winter auch grau, zum Glück war mein Lieblingscafé hier. Gewohnt hatte ich allerdings Stadtrand, im Sommer zumindest gab es viel Grün.

Sprachkurs

Die erste Vorbereitung: Ich belegte einen Sprachkurs bei der Volkshochschule und meldete mich bei Busuu an. Ich wollte nicht nur im Supermarkt einkaufen müssen und im Restaurant zumindest etwas bestellen können. 
Das möchte ich vorab gleich allen ans Herz legen, die überlegen, ihre Zelte für einige Zeit im Ausland aufzuschlagen, egal wo. Es ist so hilfreich, wenn man wenigstens über einen kleinen Grundwortschatz verfügt. Außerdem nähert man sich auf eine ganz andere Weise der Kultur, dem Denken und Fühlen des jeweiligen Landes. Man ist so zu mehr fähig als zur reinen Übersetzung eines Wortes.

Vom Suchen und Finden

Spanien ist riesig und vielfältig. Das Baskenland unterschiedet sich von Katalonien, Katalonien von Galizien, Galizien von Andalusien usw. Ich wusste nur so viel: Am Meer sollte es sein. Aber ob Mittelmeer oder Atlantik, das stand zu dem Zeitpunkt noch nicht fest.

Zählt man die Inselgruppen (Balearen / Kanarische Inseln) hinzu, verfügt Spanien über sage und schreibe 7661 km Küste.
Inseln kamen für mich nicht in Frage. Ich fliege nicht und will auch nicht auf eine Fähre warten müssen, wenn ich mal auf’s Festland möchte. Somit blieben die Kanaren und Balearen auf der Strecke. Der Atlantik im Norden Spaniens schied dann auch relativ rasch aus, weil es in Galicien 150 Tage im Jahr regnet. Die Atlantikküste Andalusiens, die Costa de la Luz (Küste des Lichts) ist faszinierend schön aber wartet mit hoher Luftfeuchtigkeit und im Winter nachts mit Temperaturen um die null Grad auf.

Einmal Mittelmeer bitte

Wie alles begann
Am frühen Morgen zog öfter diese Wolkenkarawane in der Ferne vorbei.

Die Entscheidung war also für die Mittelmeerküste gefallen. Sie ist immer noch stattliche 1491 km lang und beginnt im Norden in Katalonien mit der Costa Brava und führt über die Autonomen Regionen Valencia und Murcia in den Süden nach Andalusien. Katalonien schied wegen der damals recht aktiven Separatistenbewegung rasch für mich aus. Über die Autonome Region Valencia dachte ich länger nach, über Murcia nie. Was blieb war Andalusien. Bereits der Name war für mich Programm, klingt er doch in meiner Wahrnehmung harmonisch, weich, melodisch. Dazu die Temperaturen und Sonnenstunden im Winter, welch Verheißung.
Ich klapperte Buchhandlungen ab auf der Suche nach Büchern, die mehr als traditionelle Reiseführer sind und wurde fündig. Wer der Seele Spaniens und Andalusiens ein wenig näher kommen möchte, dem seien sie ans Herz gelegt. Einige Parallelen in den beiden Büchern Paul Ingendaays sind kaum zu vermeiden. Man kann nicht über Spanien schreiben, ohne Andalusien zu erwähnen. 

Paul Ingendaay: Gebrauchsanweisung für Spanien / Aktualisierte Neuausgabe 2022
Paul Ingendaay: Gebrauchsanweisung für Andalusien / 3. aktualisierte Neuausgabe 2018
Ulrike Fokken: Lesereise Andalusien – Erdbeeren, Sherry und das ewige Morgen
Dorothea Lökker / Alexander Potyko (Hg.) Lesereise Kulinarium Spanien

Almuñecar soll es sein

Welch ein Glück!  Heute können wir uns fast jeden Ort im Internet anschauen und uns ein erstes Bild machen. Ich, aus der Großstadt kommend, mit Dauersehnsucht nach einem Leben in einem kleinen Städtchen oder gar Dorf, machte mich auf die Suche nach einem Ort mit schöner Altstadt an der andalusischen Mittelmeerküste, in dem möglichst wenige Hochhäuser zu finden sind, man das Nötigste bekommt und der auch im Winter noch über ein gerüttelt Maß an Lebendigkeit verfügt. Und so kurvte ich Wochen an fast jedem Tag digital die Küste entlang und stolperte irgendwann über das Städtchen Almuñecar.

Almuñecar - eine besonders schöne mit Pflanzen bestückte kleine Gasse
Almuñecar - Brunnen in der Altstadt aus dem Jahr 1559 - restauriert 1992
Almuñecar - altes Haus.Was mögen die Mauern erzählen können?

Allgemeines

Almuñecar liegt an der schönen Costa Trópical, die wiederum in der Provinz Granada und verfügt über 19 km Küste mit 30 verschiedenen Stränden. Es schaut stolz auf eine 3.000-jährige Geschichte zurück und gehört somit zu den 10 ältesten Städten Spaniens. Das kulturelle Angebot war und ist überwältigend: Theater, Konzerte, Internationale Jazztage, Ausstellungen, Prozessionen, Märkte und was noch alles. Eine imposante Mischung von Natur und Kultur.
Nicht unwichtig: Es gab eine deutsche Arztpraxis und die gibt es bis heute!
Das Städtchen hatte 2021 knapp 26.000 Einwohner wobei La Herradura – um die 8km entfernt – hier mitzählt und allein schon 5.500 EW hat. Etwa 21% kommen aus anderen Ländern. (Infos: www.juntadeandalucia.es)

Prima Klima

Die Costa Trópical ist das einzige Gebiet in Europa, in dem tropische Früchte gedeihen, vor allem Mangos, Chirimoyas und Avocados. Die Temperaturen sinken im Winter kaum unter 12° Grad. Im Sommer wird es nicht so heiß wie in anderen Teilen Spaniens, denn die Berge halten die kontinentale Hitze ab.

Ich wusste also, dass Almuñecar auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, es ein reichhaltiges kulturelles Angebot gibt, Menschen vieler Nationen hier leben und das Klima vielversprechend ist. Der Flughafen Málaga ist weit genug entfernt aber nah genug, um Besuchern eine einigermaßen bequeme Anreise zu ermöglichen. Granada, die Hauptstadt der Provinz mit all ihren Schätzen, ist ebenfalls nicht weit entfernt.
Die Sierra Nevada, ermöglicht Wintersport. Man könnte also, wenn man wollte, morgens unter Palmen frühstücken und mittags die Pisten runtersausen.
Alles gute Gründe, hier die Zeit zu verleben.

Mango - aus eigener Ernte
Avocados - ebenfalls selbst gepflückt

Wohnungssuche in digitalen Zeiten

Nun begann die Suche nach einer Wohnung. Ich wollte unbedingt auf’s Meer schauen können. Kennt ihr auch diese Krux des Internet? Hinter jedem Angebot könnte ein anderes, besseres warten. Nägel mit Köpfen sollten her und ich entschied mich nach realtiv kurzer Zeit.
Die Wohnung lag am Paseo San Cristóbal, erste Reihe am Strand. Sie hatte drei Schlafzimmer. Hier wird übrigens immer die Schlafzimmerzahl angegeben. Drei Schlafzimmer sind also von Hause aus mit dem Wohnzimmer vier Zimmer, dazu Küche, Bad mit Dusche, Balkon, Internet, Klimaanlage (im Winter zum Heizen) damals für € 490 im Monat. So war gewährleistet, dass ich Besuch von der Familie und von Freunden bekommen konnte.

Im Focus online habe ich gerade eine Übersicht gefunden, mit welchen Kosten man derzeit in Spanien rechnen müsse, wenn man hier überwintern möchte.
Eingeplant werden sollten € 2.554 pro Monat: Wohnen € 1.700, Essen € 789, Flug knapp € 300. Sie gehen von Touristenzentren aus, woanders sei es eher günstiger, sagen sie.
Meine Rente ist nach Abzug von Krankenkasse in Deutschland und Steuern in Spanien deutlich geringer. Ich könnte hier also eigentlich gar nicht leben.

Info auf focus.de

Vom Sorgenkarusell

Ich war überglücklich und gleichzeitig erschreckt über meine Entscheidung. War sie wirklich mutig oder eher leichtsinnig? Und schon drehte sich das Gedankenkarusell. Auweia!!!

  • Wie würde die Fahrt über bald 3.000 km verlaufen?
  • Hoffentlich bekomme ich keinen Wadenkrampf auf der Autobahn!
  • Was ist, wenn mir der Ort ganz und gar nicht gefallen sollte?
  • Und die Wohnung, ist es wirklich die richtige?
  • Wie wird es mir gehen, allein in Spanien?
  • Werde ich Kontakte knüpfen können?
  • Reichen meine paar Brocken Spanisch?

Zu meinen sorgenvollen Gedanken kamen dann noch die der ach so wichtigen Bedenkenträger. Plötzlich kannten alle irgendwelche Leute, die nach vielen Jahren in Spanien doch nach Deutschland zurückkehrten. Als sei das ein Scheitern, als könne man ihnen die Jahre nehmen, als sei die Zeit veschwendet gewesen. Was ein Quatsch! 

Auch wenn mich Sorgen plagten - in meinem tiefsten Innern wusste ich, dass ich aufbrechen musste.

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2 Antworten

  1. gerne habe ich hier bei Dir gelesen. Wir sind mit dem Wohnmobil öfters unterwegs, und kennen Almunecar, allerdings von einer Flugreise her. Wir sind auch Rentner, mein Mann und ich.
    Wenn Du Lust und Zeit hast, würde ich gerne mit Dir in Kontakt bleiben.

    1. Liebe Roswitha, das freut mich sehr. Gern können wir in Kontakt bleiben. Hatte leider noch keine Zeit, mir eure Seite anzuschauen. Vielleicht mögt ihr euch ja in meine Info-Post eintragen. Ich schicke nur einmal im Monat – jeweils am 28sten – eine Info, was es Neues zu lesen gibt. So kann man besser nach Lust und Laune bzw. Interesse entscheiden, was man möchte. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag. Vielleicht siehst man sich ja mal hier. In diesem Sinne liebe Grüße aus meinem kleinen Paradies. Ramona

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